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aus der Werkstatt

Aus der Werkstatt

nenne ich diese Rubrik, die ich ab heute anstelle des Blogs "bespiele". Natürlich verbringe ich viel Zeit in meinem Arbeitszimmer: alle Vorbereitungen für Gemeindearbeit und Schule finden hier statt. Zur Vorbereitung lese ich viel, und stoße dabei auf manchen interessanten Hinweis oder Zusammenhang.

Die möchte ich in dieser neuen Rubrik gerne mit Ihnen teilen. Vor Corona waren Abendkreis und Bibelkreis solche Gesprächsforen, in denen Austausch stattfand. Dieses Forum ist seit über einem Jahr verschlossen. Viele Gemeindeglieder und auch Studierende am Comeniuskolleg haben aber immer wieder meinen Blog besucht. Für sie und für alle Interessierten mache ich nun dieses Angebot: "aus der Werkstatt". - Werkstatt fand ich deshalb besser als Arbeitszimmer, weil hier viel Unfertiges zu finden ist, Brocken, hier und da aufgesammelt, Gedankenanstöße, Impulse....

 

zur Wahl

am 26. September 2021. Es wird spannend am letzten Sonntag im September: zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland steht ein regierender Kanzler und/oder eine Kanzlerin nicht mehr zu Wahl. Angela Merkel verläßt nach 16 Jahren im Kanzleramt dieses "aus freien Stücken" und nicht durch "Abwahl". Das gab es noch nie. Und auch die Stimmung ist etwas Besonderes: Alle reden von Veränderung und wissen: Angesichts der drohenden Klimakatastrophe kann es nicht so weitergehen wie bisher mit, weder mit den Prioritäten in der Politik noch mit unserem eingeübten Lebensstil im Privaten. Wir wissen: nicht kann und wird so blieben, wie es ist, aber wir wollen, dass möglichst viel so bleibt wie es ist. Ein eklatanter Widerspruch zwischen Wissen und Wollen, auch zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und dem tatsächlichen Leben. NIchts kann so bleiben wie es ist. Wir wollen nicht, dass sich was ändert. Unter diesen Bedingungen ist es nicht leicht, Politik zu machen und uns Wählerinnen und Wählern ein Angebot.

Dennoch stehen wir alle, als Christinnen und als Bürger in der Verantwortung. Wir haben die Wahl. Und wir können sie nutzen. Ich mache mich immer dafür stark, weniger auf Personen zu setzen als vielmehr auf Programme. Es geht bei der Politik um inhaltliche Weichenstellungen, die einem bestimmten Ziel untergeordnet sind und ihm dienen. Irgendwann geht es auch nicht mehr um Pragmatik, sondern um praktische Politik im Sinne der wichtgsten Zielvorgabe, aus meiner Sicht: der konsequente Klimaschutz angesichts der Klimakatastrophe, die sich mit der Erderwärmung einstellen wird und sich z.T schon eingestellt hat (labiler Jetstream, Hitze- und Dürrephasen, Waldbrände, gleichzeitig Starkregen-Ereignisse und Überschwemmungen). 

In den Kirchen gibt es seit fast 40 Jahren, seit Vancouver 1983, einen konziliaren Prozeß für "Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung". Keines der drei großen Themen ist 2021 unbedeutend geworden. Nur die Reihenfolge der Themen hat sich im Blick auf globale Dringlichkeit und Auswirkungen wohl doch verändert: Der Bewahrung der Schöofung wird die Voraussetzung dafür, dass wir noch für Gerechtigkeit kämpfen können und für den Frieden uns einsetzen können. Wenn es infolge des Klimawandels zu einer großen Völkerwanderung kommt und einen Kampf um die kleiner werdenden Lebensräume für Menschen, dann wird politisch nichts mehr zu regeln und zu steuern sein.

Ich bin deswegen dankbar, dass wir am 26. September die Wahl haben in Deutschland. Personen und Persönlichkeiten sind in der Politik wichtig. Wichtiger aber sind Inhalte und Programme.  Ich schreibe dieses als Christ und als Pastor, der sich denkt: irgendwie bin ich schon auch wichtig als Person, aber wichtiger ist, dass Jesus Christus Raum gewinnt in mir, in der Gemeinde und in der Welt. Es geht um Inhalte. Immer!

Am Vorabend des 26. September 2021

habe ich die Predigt gerade abgeschlossen und lese die Wochenden-Ausgabe der Süddeutschen Zeitung. Einmal im Monat schreibt Carolin Emcke eine Kolumne. So auch in der Ausgabe 25./26. September 2021 auf Seite 6. Emcke schreibt, mit dem Ende der Kanzlerschaft Angela Merkels gehe eine Ära zu Ende. "Aber der historische Moment, den alle in diesem Jahr spüren, birgt noch eine andere Zäsur, eine, die viel tiefgreifender und weitreichender ist: Es geht auch die Ära des Verleugnens zu Ende." Ich habe heute Morgen nur eine Stunde in Westerkappeln Wahlkampf gemacht für die Grünen, auf dem großen Parkplatz des Einkaufszentrums an der Heerstraße. Autos ohne Ende, darunter viele große SUVs. Kaum E-Autos, kaum Fahrräder.  Ich habe da nicht gespürt, dass "auf dem Dorf" das Bewußtsein sich wandelt. "Die Zeiten, in denen mindestens meine Generation sich betrogen hat, in der wir mit einer Kraft, von der ich heute gar nicht mehr sagen kann, woher ich sie genommen habe, die Wirklichkeit überblendet haben, in der wir nicht sehen wollten, was wir angerichtet haben, als seien die Erderwärmung, die Übersäuerung der Meere, das Artensterben anderswo und von uns entkoppelt - diese Zeiten sind vorbei."

"Die Klimakatastrophe ist in alle Weltgegenden, in alle Lebensbereiche gedrungen, und sie verwüstet vertraute Landschaften und bequeme Gewißheiten mit der selben gnadenlosen Wucht. " Ich habe davon in Westerkappeln am sonnigen Morgen des 25. September auf dem großen (baumlosenund versiegelten) Parkplatz nichts gespürt. Da war von dem Eindruck eines Selbstbetrugs nicht die Spur wahrzunahmen. Die war die Welt in Ordnung. "Was immer nun kommt, es wird mit diesem Bewußtsein (dass das Verleugnen ein Ende hat), beginnen müssen." Emcke schreibt weiter: "Die bittere, späte Erkenntnis,, dass wir nicht gelebt haben, wie es nötig war, ist keine individuelle oder lokale, sondern eine gesellschaftliche (...) Es ist eine ganze Lebensform, kein einzelnes Leben; es ist die Art, wie wir wirtschaften, bauen, uns bewegen, uns ernähren, wie wir reisen und konsumieren." Wenn wir ehrlich sind, müßteb wir uns eingestehen, dass wir Komplizen sind "in der Vernichtung unserer Lebensgrundlagen". Die biblische Prophetie würde hier zur Umkehr aufrufen und für den Fall der Verweigerung, unausweichlich "das Gericht" ankündigung: die Verwüstung des Landes und den Untergang des politischen Systems. - Aber das will keiner hören. Die historische und biblische Erfahrung lehrt: so lange nicht, bis es zu spät ist. Emcke bemerkt: es "wird die schuldhafte Verstrickung, das politische Leugnen und Verharmlosen, das Verschleppen und Verhindern von Maßnahmen selten angesprochen in diesem Wahlkampf." Alles, was wehtut und nach Verzicht und Verbot klingt, wird vermieden. Das Verbot, Menschen zu töten (für die Traditionsbewußten: das 5. Gebot von zehn), scheint mir gar nicht so blöd zu sein. Was ist das Problem bei Verboten, wenn sie Leben bewahren? Emcke meint: "Es ist an der Zeit, nicht nur die Krise in ihrer ganzen furchterregenden Dimension anzuerkennen, sondern auch ihre gravierenden Folgen für die Bürgerinnen und Bürger auszubuchstabieren." Mein Eindruck ist: das ist nicht gewollt. Ich habe nach einer Stunde Wahlkampf deprimiert den großen Parkplatz verlassen und mich an den Schreibtisch gesetzt. Predigt schreiben. Vom Evangelium zeugen. Das hat (mir) geholfen. Danke, Carlin Emcke, für den Wegruf! Dem Parkplatz an der Heerstraße fühle ich mich nicht zu Dank verpglichtet. Meiner heiligen Schrift dagegen schon. Schönen Sonntag - und in jedem Fall: eine gute Wahl!